Medizinische Informationen für betroffene Frauen
von Dr. med. Ines Ehmer

 

Rat & Tat

Leben mit chronischen Unterleibsschmerzen - Seite 2

 


 

Gedanken zum Umgang mit chronischem Schmerz im Urogenitalbereich

entwickelt in Zusammenarbeit

mit der Leiterin der polnischen Vulvodyniegruppe, Frau Agnieska Serafin

 

 

  • Lassen Sie Ihre Gefühle zu

Als Betroffene, die an einer chronischen  Schmerzkrankheit leidet, brauchen Sie einen Ort, an dem Sie NICHT vorgeben müssen, dass es „gar nicht so schlimm“ sei, und an dem Sie sich mit Ihren Beschwerden NICHT verstecken müssen. Eine gute Idee kann es sein, eine Person zu suchen, der Sie alles über Ihren Schmerz erzählen können, wenn Ihnen danach zumute ist; eine Person, die von Ihnen nicht erwartet, dass Sie immer stark sind und immer „alleine damit fertig werden“. Es kann auch gut für Sie sein, wenn Sie Ihre Gefühle aufschreiben. Wenn man seine Empfindungen zu Papier bringt, setzt man sich automatisch sehr intensiv damit auseinander, vor allem, wenn man es regelmäßig tut. Auch zu weinen, sich den Schmerz „von der Seele“ zu schreien oder einfach nur still zu sitzen und in sich hinein zu hören, was der Schmerz im eigenen Körper bewirkt, was er „anrichtet“: all das sind Wege, und jede Betroffene muss ihren eigenen Weg finden, um sich direkt und unmittelbar dem Schmerz zu stellen. Das ist eine wichtige Voraussetzung dafür, um sich aktiv auf den Weg zur Schmerzbewältigung zu machen.

  • Seien Sie gut zu sich selbst

Der erste Punkt auf diesem Weg ist es, dass Sie sich in Ihrem Leiden selbst so viel Unterstützung zuteil werden lassen, wie es Ihnen nur irgend möglich ist! Das ist eine große Herausforderung, weil die meisten von uns nicht gelernt haben, als „Anwalt in eigener Sache“ aufzutreten. Paradoxerweise fühlen sich viele Betroffenen irgendwie „schuldig“ dafür, krank zu sein. Das hat ganz sicher mit der in unserer Gesellschaft vorherrschenden Einstellung zu tun, immer stark, gesund und leistungsfähig sein zu müssen. Vor allem Frauen mit Schmerzen im Intimbereich schämen sich oftmals für ihre Schmerzen  - es ist nichts, worüber man „laut spricht“ wie über andere Schmerzen, beispielsweise  rheumatische Schmerzen. Also geben viele Frauen lieber vor, „okay“ und „normal“ zu sein. Das bedeutet oft, dass sie sich selbst dazu zwingen, so zu „funktionieren“, als ob sie keine Schmerzen hätten, dass sie sich sogar selbst  ihre „Schwäche“  zum Vorwurf machen und dabei ihr eigenes, tatsächlich vorhandenes Leiden übersehen. Daher ist es von größter Wichtigkeit für Sie und alle Betroffenen, auf Ihre Bedürfnisse zu hören und nach der Hilfe zu suchen, die Sie brauchen, anstatt sich selbst im Stich zu lassen.

  • Nehmen Sie aktiv an Ihrer Therapie teil

Wenn Sie dies erkannt haben, ist der Weg frei, um aktiv die Suche nach Schmerzbewältigung anzugehen. Chronische Schmerzen machen die Betroffenen depressiv und passiv, was sehr verständlich und nachvollziehbar ist, aber letztlich nicht weiterhilft. An Schmerzen zu leiden ruft oft das Gefühl hervor, Opfer zu sein und keine Kontrolle mehr über das eigene Leben zu haben. Das ist ebenso verständlich und auch wahr, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Denn schlussendlich kennt niemand den eigenen Körper so gut wie Sie selbst, weshalb Ihre aktive Teilnahme an dem Prozess, eine wirksame Therapie zu finden, unbedingt notwendig ist!  Das ist eng verbunden damit, dass Sie die Verantwortung für Ihre eigene Rolle auf der Suche nach Therapie und Wohlbefinden übernehmen. Alle von uns haben ganz tief in uns das intuitive Gefühl dafür, was uns helfen kann, und welche Therapieformen - und auch Menschen- wir besser meiden sollten.  Es ist eine große Herausforderung, auf Ihre Intuition und auf Ihren eigenen Körper zu hören, wenn Sie an chronischen Schmerzen leiden! Das geht jedem so, egal, ob er/sie selbst Arzt, Psychologe oder anderweitiger Therapeut ist, jede/r Betroffene muss sich dieser Herausforderung stellen.

Neben der Herausforderung, sich selbst so viel es geht beim Umgang mit der Erkrankung zu unterstützen und nach Therapiemöglichkeiten zu suchen, gibt es oft die weitere Herausforderung , als Betroffene mit Ärzten und Therapeuten zusammen zu arbeiten. In vielen – zumindest europäischen – Ländern sind Schmerzerkrankungen im Urogenitalbereich in der medizinischen Welt oft (noch) nicht bekannt oder als eigenständige Erkrankungen anerkannt. Manchmal kann es auch schwierig sein, gegenüber der Autorität der Ärzte die eigene Entscheidung zu treffen, welche therapeutischen Wege man einschlagen möchte. Selbstverständlich ist die Erfahrung von Seiten der medizinischen Wissenschaft eine notwendige und unschätzbare  Hilfe, dennoch sollten Sie im Dialog sein mit Ihren Therapeuten, das heißt, selbst mitentscheiden und auch zu verstehen geben, wenn Sie sich nicht gut behandelt fühlen. Im besten Falle sollte es sich um eine „Weggenossenschaft“ von Arzt und Patientin handeln mit einer gemeinsam geteilten Entscheidungsfindung.

  • Nehmen Sie Rücksicht auf Ihren Körper

Kommen wir auf den Punkt zurück, dass Sie sich selbst unterstützen müssen: Viele Menschen, die an chronischen Schmerzen leiden, erleben oft einen heftigen Zwiespalt zwischen dem, was sie gerne tun möchten ( beispielsweise aktiv sein, arbeiten, Sex haben) und dem, was ihr Körper ihnen zeigt (er leidet und ist schwach). Die meisten sind dann aufgebracht, ja sogar wütend auf ihren Körper. Einerseits ist das eine ganz natürliche Reaktion, wenn es aber um den Umgang mit chronischen Schmerzen geht, ist es hilfreicher, sich in die Perspektive des Körpers hineinzuversetzen. So können Sie beispielsweise zu sich selbst sagen:“Ok, ich möchte gerne den ganzen Tag lang arbeiten, aber ich habe so starke körperliche Schmerzen….Was würde mein Körper sich wünschen, was könnte ihm heute helfen? Wenn die Wünsche und Bedürfnisse meines Körpers heute das allerwichtigste für mich wären, was würde ich dann tun?“. Wenn Sie diesen inneren Kampf bei sich selbst beobachten, dann stellen Sie sich diese Fragen! Es wird Sie daran erinnern, dass unser Körper seine eigenen Rechte und Bedürfnisse hat, auch wenn er krank ist; GERADE, wenn er krank ist!

Das beinhaltet auch, dass man manchmal gesellschaftliche Verpflichtungen wie Treffen mit Freunden oder anderweitige Termine absagt. Zwingen Sie sich nicht dazu, auch wenn Sie das als Einschränkung empfinden; seien Sie mutig und stehen Sie zu Ihrem Körper.  

  • Konzentrieren Sie sich auf angenehme Empfindungen

Es ist ein Lernprozess, zum eigenen Körper zurückzukehren, ihn anzunehmen, ihn wieder zu „umarmen“. Das hat viel mit Wohlbefinden zu tun und damit, an etwas Vergnügen zu finden.  Wenn Sie an chronischem Schmerz leiden, mag dies das letzte sein, was Sie im Sinn haben; es ist im Umgang mit der Situation aber ebenfalls sehr wichtig.  Führen Sie jetzt gleich eine Bewegung durch – und sei es eine noch so kleine -, die sich  für Sie in diesem Moment gut anfühlt. Wenn Sie beispielsweise Ihre Hüfte ein klein wenig in „Ihrer“ Art bewegen,  fühlt sich das nicht trotz des Schmerzes irgendwie gut an? Das ist nur ein Beispiel dafür, mit den Themen Freude und Vergnügen zu experimentieren: Es kann sich um Erfahrungen mit all Ihren Sinnen handeln, wie Ihre spezielle Sichtweise auf etwas, die Berührung eines Gegenstandes, die sich angenehm anfühlt, das Anhören von Musik, die Ihnen spontan in den Sinn kommt,  verlockende Düfte  beim Kochen – was auch immer, die Hauptsache ist, SIE empfinden es als angenehm. All diese kleinen Dinge können uns daran erinnern, dass es noch andere Empfindungen in unserem Leben gibt als Schmerz. Das bedeutet nicht, den Schmerz zu leugnen, sondern anderen Empfindungen auch Beachtung zu schenken. Und wenn Sie sich auf die Bereiche Ihres Körpers fokussieren, in denen KEIN Schmerz besteht, merken Sie, dass Sie nicht „nur aus Schmerz“ bestehen.

  • Bleiben Sie in der Gegenwart

Wenn Sie sich auf solche momentanen Empfindungen und Eindrücke fokussieren, hilft Ihnen das, im „Hier und Jetzt“ zu bleiben. Im Schmerzzustand haben die meisten Betroffenen Angst, dass es immer so sein wird, dass der Schmerz nie verschwinden könnte. Das führt wiederum zu Panik, und so kommt ein Teufelskreis in Bewegung.  Versuchen Sie in schlimmen Schmerzsituationen tatsächlich, gedanklich ganz in der Gegenwart zu bleiben, und verschieben Sie alle Pläne, wie Sie in Zukunft in Bezug auf die Schmerzen weiter vorgehen werden, auf einen Zeitpunkt, wenn es Ihnen besser geht.  Mit starken Schmerzen hier und jetzt umzugehen, ist eine enorme Herausforderung; zur selben Zeit aber auch noch die Vision von „weiteren 30 Jahren Schmerz“ im Kopf zu haben, ist gar nicht zu bewältigen! Wenn Sie Schmerzen haben, sollten Sie es sich einfacher machen, nicht noch härter.

  • Entscheiden Sie, wie viel „Stress“ Sie zulassen

Es ist sehr hilfreich, wenn Sie zu unterscheiden lernen zwischen einem bestimmten Maß an „positivem“, motivierenden Stress und dem Stress, der Ihr Leiden verschlimmert. Erstellen Sie eine Liste mit Ihren persönlichen Prioritäten beziehungsweise den Dingen, die für Sie speziell einen hohen Stellenwert haben. Das macht die Entscheidung einfacher, ob der Stress, den bestimmte Aktionen auslösen, es „wert“ ist, auf sich genommen zu werden. Sie können dann entscheiden, in welchem Ausmaß Sie für eine bestimmte Sache aktiv werden oder sogar kämpfen wollen. Wenn wir manchmal diese Prioritäten genau betrachten, werden wir erkennen, dass Dinge, die uns eine Menge Stress verursachen, es uns im Grunde gar nicht wert sind.

Überlegen Sie bei allen Prioritäten, wie Ihr körperliches Befinden ist. Seien Sie sehr ehrlich zu sich selbst! Oft haben wir verlernt, unserem Körper die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken und funktionieren einfach „wie Maschinen“, ohne uns dessen bewusst zu sein.

Achten Sie auch darauf, ob und wenn ja, welche körperlichen Aktivitäten oder Anstrengungen Schmerzen bei Ihnen auslösen. Diese sollten Sie dann nach Möglichkeit vermeiden.

Unsere körperlichen Empfindungen sind für unsere Psyche und unsere Entwicklung  genau so wichtig wie zum Beispiel unsere Gefühle oder Träume. Die Signale, die unser Köper sendet, sind ebenso aussagekräftig; wir müssen aber lernen, auf sie zu hören.

  • Holen Sie sich professionelle Hilfe

Leben mit einer chronischen Schmerzkrankheit ist eine der schwierigsten Herausforderungen überhaupt, die es gibt. Die Auswirkungen auf die Seele sind enorm. Holen Sie sich deshalb jede erdenkliche Hilfe! Dazu kann auch psychologische Unterstützung gehören. Das bedeutet absolut nicht, dass Ihre Erkrankung psychisch bedingt ist; es bedeutet im Gegenteil umgekehrt, dass Ihre Erkrankung Sie in jeder Lebenssituation auch psychisch so belasten kann, dass Sie dies nicht alleine bewältigen können. Und es ist auch kein Eingeständnis von „Schwäche“, sondern ein weiterer aktiver Schritt in dem heilsamen Prozess, den Sie durchlaufen.

Wichtig bei der Wahl des/der psychologischen Therapeuten/-in ist, dass sie/er Erfahrung hat mit Menschen, die an Schmerzen im Urogenitalbereich leiden, die entsprechenden Erkrankungen kennt und sich einfühlen kann. Erkundigen Sie sich daher, ob dies der Fall ist. Manchen betroffenen Frauen fällt es leichter, sich einer TherapeutIN gegenüber zu öffnen, wenn es um die damit verbundenen intimen Bereiche geht.

Hinweis: Auf Wunsch stelle ich gerne den Kontakt zu psychologischen Therapeutinnen her, die sich mit dieser Problematik beschäftigen.


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